Sharik

oder wie ich zu flüstern begann 

 

Kapitel I: Und raus bist Du!


"Ich kann heute nicht" rief mich unsere Putzfrau an "mein Schäferhund ist gestorben und ich habe heute einen Termin im Tierheim. Ich komme dann aber morgen, wenn ich darf".
Hm, dachte ich, das geht aber schnell bei der Frau.
"Und" fragte ich, "wird es wieder ein Schäferhund?".
"Nein, ich möchte unbedingt einen Rottweiler".
"Aha" entfuhr es mir. "Und Du bist Dir sicher, dass es ein Rottweiler werden muss?" fragte ich dann doch noch.
"Ja ja, ich wollte schon immer einen, es ist der Johnny. Den kannst Du auf der Homepage des Tierheimes Ludwigsburg sehen".
Hmmm.

Ich hatte damals noch nicht so viel Ahnung von Hunden wie heute. Aber diese schmächtige Frau, die auf mich mit Ihrem Schäferhund bereits nicht den Eindruck gemacht hatte, als hätte sie ihn voll im Griff, wollte sich nun einen Rottweiler holen. Einen Hund, der Führungsstärke benötigt. So viel wusste ich auch schon damals. Na, das wird lustig, dachte ich mir.

Einen Hund hätte ich selber auch mal gerne. Aber nicht zu diesem Zeitpunkt. Ich bin gerade 4 Monate vorher umgezogen und meine Wohnung wartete noch auf die neu bestellte Küche wie auch auf so ziemlich alles andere. Denn ich hatte fast die gesamte 94m² große neue Wohnung einzurichten. Ich saß auf Kisten, lebte aus Kisten, mein TV stand auf einer Kiste. Nicht mal einen Kühlschrank hatte ich.

Liebe auf den ersten Blick


Ich schaute mir aus reiner Neugier die Seite an. Jede Menge Hunde. Kleine, große, alte, hübsche und weniger hübsche. Ja, so habe ich mir die Seite vorgestellt. Und als ich sie dann wegklicken wollte, ganz zum Schluß, erblickte ich ihn. Da war etwas, was ich nicht näher beschreiben kann, das mich beim ersten Blick auf sein Bild inne halten ließ.

So sah er auf der Homepage des Tierheimes aus, der Schiller. Und hat mich sofort verzaubert.

Das war ein Hund, wie ich ihn immer haben wollte. Mittelgroß, ein Jahr alt. Ich musste dennoch drüber schlafen. Am nächsten Tag rief ich beim Tierheim an. Ja, der Hund war noch da.

Und am Freitag war auch ich da. Oje, so viel Elend wie in diesen Zwingern habe ich schon lange nicht gesehen gahabt. Das schlug irgendwie auf die Seele. Und dann sah ich ihn zum allerersten Mal. Er war in einem Zwinger mit drei anderen Hunden und stieg sofort auf das Gitter und kläffte mich an. Ja, so stellte ich mir meinen Hund vor.

Der Hund, der nicht ging


Zunächst stand ein erster Spaziergang auf dem Programm. Die Trainerin des Tierheimes holte den Hund aus dem Zwinger, gab mir die Leine in die Hand und sagte nur "Viel Spaß, einfach mal losgehen" und weg war sie. Ich stand allein mit dem Hund vor dem Zwinger da. Stand allein hatte hier eine besondere Bedeutung, denn Schiller, so hieß der Hund, lag wie platt gedrückt auf dem roten Fliesenboden. "Hm, Du siehst nicht wirklich glücklich aus, Hund" dachte ich mir. Ich zog ein wenig an der Leine. Nichts. Ich zog fester. Nichts. Er schaute mich nur, ganz platt liegend, an. Da war so viel Unsicherheit in den Augen. Kein Bellen mehr. Kein Mut mehr um aufzusteigen. Oje. Ich überlegte, was ich mir schon alles über Hunde angelesen und durch die Sendung "Der Hundeprofi" angeschaut habe. Nein, ich hatte keine Lösung parat, wie ich dieses Häufchen Elend nun zum Gehen bewegen sollte.

Also hackte ich die Leine ans Gitter fest und ging auf die Suche nach der Trainerin. Irgendwie war mir das alles recht peinlich. Ich mag Dinge im Griff haben. "Ja, wir kennen das schon," sagte die Trainerin zu mir "ich schicke gleich jemanden zu Ihnen, den er kennt". Ok. Aber weshalb hat sie mich dann mit dem Hund alleine gelassen, wenn sie das schon kennt? Ich verstand das nicht. Kurze Zeit später kam eine Praktikantin. Und wir gingen los. Mitten auf dem Tierheimgelände legte sich Schiller wieder platt hin. Die Praktikantin nahm nun die Leine in die Hand.

"Komm" sagte sie.
"Nö" meinte Schiller.
"Na los".
"Nö".

Tja, da waren wir. So klug wie zuvor. Diesmal aber zu zweit. Und wieder kam die Trainerin dazu. "Dann holt mal bitte die Daisy dazu". Daisy, das war eine Hündin aus dem selben Zwinger. Die Praktikantin holte Daisy. Und plötzlich hatten wir einen anderen Schiller an der Leine. Freudig stand er auf und ging zügig mit. In meinem Kopf arbeitete es bereits. Wir sind auf einer Wiese angelangt.  Nun konnte ich ihn auch streicheln. Er war mißtrauisch. Und neugierig zugleich. Neugierig. Das gefiel mir. Immerhin neugierig.

Nach dem Spaziergang sprach ich kurz mit der Tierheimleitung. Der Hund Schiller wurde im Alter von 6 Monaten an der Schillerhöhe in Gerlingen angebunden gefunden. Er wurde davor offensichtlich geschlagen. Aufgrund seines Verhaltens war er seit nunmehr 6 Monaten in dem Tierheim. Einen solchen Problemhund, der nicht einmal spazieren ging, wollte keiner haben.

Schiller in seinem Zwinger. Man könnte nun meinen, die Körpersprache
spreche Bände: geduckte Haltung, Rute eingeklemmt. Ich glaube jedoch,
dass er sich in diesem Augenblick ins Körbchen legte und daher
zusammenrollte. Bilder können schon mal täuschen.

Nachbetrachtung: Nach dem Gespräch konnte ich mir das Verhalten von Schiller erklären. Er fühlte sich in seinem Rudel im Zwinger sicher. Es muss ein Mann gewesen sein, der ihn früher geschlagen hatte, denn auf Männer reagierte er besonders abweisend und mißtrauisch. Deshalb stieg er aufs Gitter und bellte lauthals rum. "Komm bloß nicht her, hau ab, geh weiter" war seine Message an alle Männer, die vorbei gingen. Mit einem anderen Hund aus dem Zwinger, der entspannt mitlief, fühlte er sich sicherer. Die ruhige Art des anderen Hundes signalisierte ihm deutlich, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gab.


Auf der Heimfahrt überlegte ich weiter. Ich hatte einen sensiblen Hund vor mir, auf den sich die Ruhe des anderen Hundes so hervorragend übertrug. Und gleichzeitig war er neugierig auf die Welt da draussen. Beides sah ich als Schlüssel, um ihm zu helfen. Allerdings reichte mein Wissen damals nicht aus, um diese Schlüssel effektiv zu nutzen.

Auch in den folgenden Tagen war ein Spaziergang nur mit einem anderen Hund möglich, was sich schwierig gestaltete, da ich seitens des Tierheimes Null Unterstützung erhielt und somit auf Gassigeher warten musste, die mit einem anderen Hund aus dem Zwinger spazieren gingen. Zum Glück freundete ich mich gleich mit einer Frau an, die täglich mit Bibi, der Dobbermanndame aus dem selben Zwinger zur gleichen Zeit rausging. Doch das konnte nicht der Dauerzustand sein.

Danke, Frau Böhm


Also suchte ich im Web nach Hilfe. Eine Tierpsychologin, Frau Gabriele Böhm aus Rösrath in der Nähe von Köln, antwortete mir und gab mir neben einigen weiteren Hinweisen diese entscheidenen Tipps, die ich heute in der Nachbetrachtung alle als absolut richtig ansehe (direkt aus Ihrer Antwort rauskopiert): 
  1. Auf seine Angst nicht eingehen
  2. Regeln aufstellen.
  3. Will er nicht aus dem Zwinger , nehme ich ihn an der Leine und ziehe ihn einfach mit ohne auf ihn einzugehen.
  4. Vor allem nicht auf ihn einzureden.
  5. Ihn nicht beschwichtigen
  6. Die Angst ignorieren
  7. Streng und konsequent zu ihm sein 
Kaum erhielt ich diese E-Mail, musste ich die dritte Regel auch schon auf meine eigene Weise anwenden. Denn am nächsten Tag steckte ich im Stau und kam später an. Prompt war Bibi schon wieder drin und die anderen Hunde bereits draussen.

Regel 3: Will er nicht aus dem Zwinger, nehme ich ihn an der Leine und ziehe ihn einfach mit ohne auf ihn einzugehen. Klingt ganz einfach. War aber unmöglich. Aus dem Zwinger bekam ich Schiller raus, aber vor der Zwingertür legte er sich erneut platt hin. Ziehen wäre nicht möglich gewesen. Höchstens schleifen, denn der Hund sperrte sich total. Wer weiß, vielleicht hätte ich tatsächlich ziehen können und der Hund wäre nach wenigen Zentimetern Geschleife aufgestanden. Aber ich verließ mich auf meine Intuition: Das konnte nicht die optimale Vorgehensweise sein. "Was mache ich jetzt mit Dir, Hund", überlegte ich. Dann ging ich zu ihm hin, packte ihn ohne ein Wort am Geschirr, zog ihn hoch und ging so los. Und Schiller... Schiller lief mit. Als wir so das Tierheimgelände verließen hatte ich den Eindruck, alles richtig gemacht zu haben.

Das erste Mal ohne Begleithund draussen. Und plötzlich... schaut er mich
zum ersten Mal richtig an. Huhu, ich bin's. Wir werden noch richtig dicke
Freunde, Du weißt das nur noch nicht, mein lieber Schiller.

Nachbetrachtung: Die Trainerin des Tierheimes hat mir diesen ängstlichen Hund am ersten Tag einfach mal übergeben. Richtig wäre es gewesen, wenn ich mich im Zwinger hingesetzt oder hingehockt hätte, ohne ihn zu beachten. Und gewartet, bis seine große Neugier ihn zu mir treibt, um mich zu beschnüffeln. Und ich Schiller damit in dem für ihn angenehmen Tempo kennen gelernt hätte. Ein so aufgebautes Kennenlernen hätte das Zueinanderfinden ggf. um einige Tage verkürzt. Die ersten Momente einer Begegnung mit einem ängstlichen Hund sind extrem entscheidend. Auch danach hat sie mir zu keinem Zeitpunkt geholfen. Da war auch nie ein Lächeln oder ein nettes Wort. Konstruktive Vermittlungsarbeit stelle ich mir anders vor.


Ein großes Herz für Tiere, ein kleines für Menschen


So haben wir ganze zwei Wochen miteinander verbracht. Jeden Tag, bis auf die Donnerstage, an denen das Tierheim gereinigt wurde, habe ich Schiller besucht. Wir haben dabei möglichst lange, meist anderthalbstündige Spaziergänge unternommen. Und zwischendurch Pausen gemacht, um uns aneinander zu gewöhnen.

Zweimal ist er mir in dieser Zeit nach lediglich 15 Minuten aus dem Geschirr geschlüpft und zurück gerannt. Beide Male haben mich die lieben und vor Hilfsbereitschaft triefenden Tierheimmitarbeiter bereits mit einem breiten Grinsen und der verheißungsvollen Nachricht erwartet: "Wir haben ihn, er ist schon wieder im Zwinger." Vielen Dank auch! Ich durfte somit nach 15 Minuten mit dem Hund die 30 Minuten Fahrtweg Ludwigsburg-Stuttgart im Berufsverkehr zurück antreten und wieder ins Büro fahren, um meine Arbeit fortzusetzen. Noch heute könnte ich, wenn ich daran denke, diese Leute auf den Mond schießen. Beim zweiten Mal tauchte gar kurz der Gedanke auf, es einfach hinzuschmeißen. So unverschämt und entmutigend fand ich dieses Verhalten. Ich machte mir jedoch klar, dass ich wegen des Hundes da war und dass dieser nichts für die fehlende Empathie der Tierheimmitarbeiter konnte. Aber in mir brodelte es.

Die Priorität, nicht nur in diesem Tierheim, wurde meiner Meinung nach falsch gesetzt. Das Beste für die Tiere erreicht man nicht, indem man Ihnen trotz knapper Finanzmittel teures Premiumfutter zu fressen gibt. Wichtiger wäre es, engagierte Interessenten zu unterstützen, damit die Tiere ein Zuhause finden. Doch da fehlte es an Zeit. Vor allem aber an sozialer Kompetenz. Das hätte man zumindest durch organisatorische Regeln ein wenig kompensieren müssen.

Zum Schluß durfte ich dann doch noch eine positive Erfahrung machen: Die Tierheimleiterin war für mich, als es nun auf ein Probewochenede zuging, da. Schnell, unkompliziert, freundlich. Ein echter Lichtblick.

Ein Haufen Probleme


Szarik in der TV-Serie "Vier Panzersoldaten
und ein Hund". Sharn aus dem zweiten
Thorgal-Album "Die Rache der Zauberin"
Und dann war er da. Schiller. In meinem Auto. Auf dem Weg nach Stuttgart. Und ein Kopf voller Gedanken. Immerhin fuhr er prima in meinem Zweisitzer-Cabrio mit. Ich musste beim Einsteigen zwar kräftig nachhelfen. Aber, wie es sich später rausstellte, war Schiller ein passionierter und wunderbarer Beifahrer, der auch bei 4-Stunden-Fahrten ruhig auf dem Beifahrersitz lag, aus dem Fenster schaute oder vor sich hin döste. Und, als ob er sich der Situation genau bewusst wäre, kam er im Auto bis heute während des Fahrens nie auf mich zu.

Nach diesem Probewochenende betrat er nie wieder seinen alten Zwinger. Und aus Schiller wurde Sharik, eine Kombination aus Szarik, dem Namen eines sehr bekannten Schäferhundes einer polnischen TV-Serie (Trailer) und Sharn, dem treuen Wolf von Slive, einer Figur aus der mit vielen international Preisen ausgezeichneten Comicserie Thorgal, die ich seit über 30 Jahren lese (es erscheint ca. ein Album pro Jahr).

Das war es dann aber auch mit den positiven Eigenschaften. Er zog an der Leine. Konnte nicht alleine bleiben. Schlug immens Alarm wenn es an der Tür klingelte. Schnappte schon mal nach Passanten, wenn ihm diese zu direkt entgegen kamen oder ihn direkt anschauten. Und entwickelte nach wenigen Tagen ein territoriales Verhalten: Er knurrte jeden an, der mein Büro oder die Wohnung betrat. Das empfanden meine Mitarbeiter als so unangenehm und bedrohlich, dass es sich sogar auf das Arbeitsklima auszuwirken begann.

"Du musst einen Profi engagieren" sagte Oliver. "Das ist ein kranker Hund. Ausgesetzt, geschlagen, so lange im Tierheim. Der wird nie wieder ganz normal. Das schaffst Du nicht alleine."
"Sehe ich auch so" stimmte Simon zu.
In der Tat zeigte es sich sehr schnell, dass Sharik mit Händen, Füssen und Stöcken geschlagen worden sein musste. Denn vor jeder Berührung mit der Hand duckte er sich. Und berührte ich ihn ganz sanft aber überraschend, dann zuckte er jedes Mal zusammen. Vor Füßen hatte er noch mehr Angst. Und sobald ich einen Stock oder Stil in die Hand nahm suchte er sofort das Weite. Arme Hundeseele.

Und auch Frau Böhm schrieb mir in Ihrer Antwort:

Natürlich kann man bei einem solchen Hund etwas erreichen. Aber: Er wird niemals ein „normaler“ Hund werden. Sie sollten sich im Vorfeld überlegen, ob Sie ihn tatsächlich wollen und wenn ja, sich darüber im Klaren sein, dass Sie auf seine Lebzeit bezogen einen „Pflegefall“ haben werden. Wenn Sie ihn wollen, holen Sie ihn aus dem Heim! Sie müssen sich professionelle Hilfe holen. Bitte keine Hundeschule. Mit der können Sie nichts anfangen.

Das war keine einfache Situation für mich. Woher nahm ich die Sicherheit, dass ich etwas könnte, wovon mir ausnahmslos jeder abriet? Oder wollte ich wirklich einen Pflegefall sein Leben lang halten? Ich bin zuweilen eigensinnig, keine Frage. Aber ich kenne mich. Meine Beharrlichkeit. Meinen Willen. Meinen Charakter. Ich bin einerseits aufmerksam und einfühlsam, trage ein Herz voller Liebe für die Welt in mir. Kann andererseits aber kühl konsequente geschäftliche und private Entscheidungen treffen. Kein am Tisch bettelnder Hund kann mein Herz erweichen. Ich war überzeugt, ich würde allen Warnungen trotzen und es schaffen. Weil ich bislang immer alles schaffte, woran ich glaubte. Und immer nur an die Dinge glaubte, die ich für mich für machbar hielt. Und der Glaube versetzt manchmal Berge.

Und so bat ich alle um Zeit. Vertrauen. Und Geduld. Und dann flüsterte ich meinem Hund zu: "Sharik, Du und ich, wir bekommen das alles gemeinsam hin."



So viel vorweg: Frau Böhm sollte sich in ihrer Prognose zum Glück irren. Wie ich mit Sharik die Welt erkundete und aus ihm ein selbstbewusster, freundlicher Menschenfreund wurde beschreibe ich demnächst auf dieser Seite im Kapitel II: Leiten, laufen, lieben und lernen.

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