Dienstag, 10. Dezember 2019

Die Rüden und die Rüderen


Als der Film „Die Rüden“ in den Medien vorgestellt wurde, waren »sie« einmal mehr der Meinung, man müsse sich dagegen formieren. Denn in diesem Film werden Hunde eingesetzt. Hochaggressive Hunde. Sie werden ebensolchen Menschen gegenüber gestellt. Hochaggressiven Menschen. Gewalttätigen Gefängnisinsassen. Dabei entsteht definitiv auch Stress. Für »sie« Grund genug, sich für die ihrer Meinung nach missbrauchten Tiere einzusetzen und gegen das Filmprojekt vorzugehen.

Nadin Matthews, Trainerin und Konzeptionistin des Films "Die Rüden",
bei dem Connie Walther, zweifache Adolf-Grimme-Preisträgerin, Regie führte.

Sie sind mitten unter uns. Sie tun harmlos. Sie wollen nur das Beste für die Hunde. Für alle Hunde. Sie nennen sich die Gewaltlosen und die, die nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu arbeiten meinen.

Gewaltlose Gewalt


Sie sind viele. Schwer zu sagen, wie die Verteilung innerhalb der gesamten Hundeszene ist. Sind sie in der Überzahl? Oder lediglich eine omnipräsente Minderheit, die aktiver ist als die anderen, weil sie gegen etwas kämpft? Und das mobilisiert und motiviert. So war es im Falle des Projektes Stuttgart 21. Die Frage kann hier leider nicht beantwortet werden: es fehlt an einer repräsentativen Umfrage.

Konstantin-Philippe Benedikt, einer der Schauspieler.
Aber sie sind zumindest so viele, dass sich in allerlei Foren, auf Seiten und in Gruppen sehr schnell diejenigen unter ihnen finden, die destruktiv aggressiv werden. Auch wenn diese Verhaltensweise keinesfalls für alle gilt, so sind offensichtlich sehr viele unter ihnen bereit, niveaulos unsozial, spekulativ unsachlich und gehässig nachtretend zu sein. Gegen Hunde? Nein, gegen Menschen, die ihre Auffassung von artgerechtem Umgang mit Hunden nicht teilen.

Klingt wie bekannte Muster religiöser Fanatiker gegenüber Andersgläubigen. Die Parallelen sind in der Tat verblüffend.


Gorgie aus "Die Rüden": Meint er die gewalttätigen Gefängnis-
insassen im Film? Oder die Rüderen der Hundeszene,
die so viel zerstören?
„Der Zweck heiligt nicht die Mittel“ sagen sie gerne. Und meinen damit den Umgang mit Hunden, denen sie keinerlei unangenehme Empfindungen zufügen und zumuten wollen. Sobald es um den Umgang mit ihren Mitmenschen geht, entledigen sie sich dieses behindernden Spruches, vergessen das Wesen, das ihnen (oft virtuell online) gegenüber steht und handeln ohne Selbstreflexion rücksichtslos in entwürdigender Weise.

Wie Menschen sich Dir gegenüber verhalten, 
sagt nicht zwingend etwas über Dich aus. 
Es kann auch lediglich etwas über diese Menschen aussagen.


Face aus "Die Rüden": je freundlicher Du als Fremder
zu ihm bist, desto aggressiver wird er: Parallelel zur
Wirklichkeit und dem Verhalten der Rüderen.

Die oben erwähnte entwürdigende Weise bezieht sich weniger auf das Gegenüber als vielmehr auf die handelnden Personen. Sie entwürdigen sich selbst.

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Der Film "Die Rüden" lief übrigens letzten Samstag hier im Kino. Er vermittelt dem Zuschauer einen eindringlichen Eindruck von der Arbeit und vor allem der Gefährlichkeit und Vehemenz hündischer Aggressionen.
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Wespen


Es bedarf nicht viel, damit diese Menschen ihr häßliches Gesicht zeigen. Als ich in meiner Timeline von einem Aufruf las, gegen den Film „Die Rüden“ vorzugehen, überprüfte ich zunächst nicht, wer das tat sondern schrieb einen erklärenden Kommentar zum Film, der um Mäßigung bat. Beim nächsten Check meiner Benachrichtigungen stellte ich fest, dass ich in ein Wespennest gestochen habe. Die Aufrufende war eine lokale Trainerin, die sich offensichtlich der obigen Ideologie verschrieb. Und natürlich war diese auf ihrer eigenen Facebook-Seite von Gleichgesinnten umgeben. Menschen, die - gestärkt durch die gemeinsame Überzeugung - gegen jeden vorgehen, der gegen deren Ideologie verstößt. Neben fachlich bemühter Argumentation uferte die Kommunikation in kürzester Zeit aus und ich tat das einzig sinnvolle: Ich beendete sie.


Es folgten auch nach der Beendigung der Konversation meinerseits etwaige Gehässigkeiten, die ich jedoch nach kürzester Zeit nicht mehr weiter verfolgte. Das, was ich noch wahrnahm zeugte von ausreichend menschlicher Unreife, um darauf nicht mehr zu reagieren. Ich möchte diese Kommentare hier nicht wiedergeben.

Wie anmaßend solche Personen sein können, wird wohl dadurch deutlich, dass man die Hauptprotagonistin des Films, die Trainerin Nadin Matthews, die in weiten Teilen der Hundeszene als eine der anerkanntesten Expert(inn)en und Persönlichkeiten gilt, des Dilettantismus im Umgang mit Hunden beschuldigte. Und das aufgrund eines Trailers von „Tiere suchen ein Zuhause“, in dem nur sekundenlange Ausschnitte des Films zu sehen waren. Wenn die Gewaltlosen für ihre Ideologie eintreten, dann allzuoft überzogen und maßlos überheblich.

Kein Einzelfall. Die Regel.


Denunziation - die Kameradensau mitten unter uns


In einer Hundegruppe, in der ausschließlich - nach einer Überprüfung - Hundetrainer/innen aufgenommen werden, wurde vor 2,5 Jahren ein Video gepostet. Es zeigte kein Training an, sondern eine Demonstration, wie ein bestimmter Hund auf die gezielte Konfrontation mit einem Reiz reagierte. Das Video an sich war kein Paradebeispiel für einfühlsamen Umgang mit einem Hund, da war sich die Gemeinschaft einig. Genauso einig war sie sich aber auch darüber, dass das Video keine Handlungen zeigte, die irgendwelche Schritte gegen die handelnde Person rechtfertigen würden. Kein ernsthaftes Fachgespräch; und schon gar nicht anderweitige Schritte. In der Gruppe sind über 400 Fachleute.

Doch eine Person, völlig stillschweigend, lud das Video aus der privaten Gruppe herunter und reichte es samt Anzeige zur Überprüfung beim Veterinäramt ein. Ein vorheriges Gespräch hielt sie weder mit der Videoinhaberin noch den Administratoren der Gruppe noch der Gruppengemeinschaft für nötig. Feige wie hinterfotzig denunzierte sie eine Kollegin.


Im Laufe des Vorgangs, der letztendlich größere rechtliche Ausmaße annahm, erfuhr die Videoerstellerin den Namen der Person. Die Administratoren der Gruppe gaben der Person daraufhin die Möglichkeit, sich von sich aus zu melden und damit wenigstens ein Stückchen der verlorenen Würde zurück zu erlangen. Die Denunziantin schwieg beharrlich. Schließlich wurde sie aus der Gruppe entfernt.

Es dürfte wenig überraschen, dass die Person ein überzeugtes Mitglied der Gruppe und Ideologie „Trainieren statt dominieren“, kurz TsD, war und ist. Einer Gruppierung und Ideologie, die jegliches aktive unangenehme Handlung gegenüber Hunden strikt ablehnt.


Der Fisch stinkt vom Kopf her


Der (unbedarfte) Leser könnte nun dazu neigen, die Verbindung zu TsD als Zufall einzustufen. Zumindest scheint es zunächst weit hergeholt, die von TsD propagierte Ideologie für das asoziale Verhalten einer Anhängerin verantwortlich zu machen. Schließlich ist jeder für seine Taten selbst verantwortlich.

Sharik - weiß bescheid.
Ich habe damals zeitnah die Hauptgründerin der TsD-Ideologie, Manuela Zaitz, mit dem Vorfall konfrontiert und um Stellungnahme gebeten. Die Reaktion war eindeutig und erschütternd zugleich: die Aktion der Denunziantin wurde von Frau Zaitz und damit der Führung von TsD im vollen Umfang für richtig befunden. Es gab nicht das kleinste Wort des Bedauerns. Nicht einen Hauch von Einsicht, dass bei der Anzeige gegen Gruppenregeln oder einen selbstverständlichen sozialen Verhaltenskodex verstoßen wurde. Ich musste die Kommunikation abbrechen, da sie dahingehend kippte, mir vorzuwerfen, wie ich einen solchen Einsatz für das Wohl eines Hundes kritisieren könnte.

Der Vorfall veranschaulicht, weshalb die Kluft zwischen den beiden bekannten Lagern allenfalls in Einzelfällen überbrückbar ist: die Diskrepanz ist nicht nur bezüglich des Umgangs mit Hunden zu groß sondern erstreckt sich auch auf völlig unterschiedliche Auffassungen über akzeptables menschliches Sozialverhalten. Wenn Aktionen wie die obige nicht nur toleriert sondern sogar befürwortet werden, sind jegliche Brücken zueinander nicht mehr als Streichholzkonstruktionen.


Ausblick


In Zeiten, in denen wir mehr den je vor politischen Herausforderungen seitens der Legislative und der starken Tierärztekammer stehen, wäre ein Zusammenschluss aller Hundetrainerinnen und Hundetrainer sowie aller Hundehalter/innen ein Gewinn für alle Hundefreunde. Die Segmentierung schwächt unsere politische Kraft und verhindert bessere Bedingungen sowohl für Hundetrainer als auch für Hundehalter und deren Hunde. Dabei gibt es ca. 15 Millionen Hunde in Deutschland und die Anzahl der Wahlberechtigten mit Hundhintergrund ist gewaltig.

Leo, mein Hundefreund von nebenan.

Das Ziehen an einem Strang müsste, siehe Fisch, oben beginnen: wenn sich Leitfiguren kategorisch für Toleranz und gegen Bashing aussprechten und diese Haltung an die bekannten Trainerinnen und Trainer weiter gäben, dann bestünde Hoffnung auf ein Miteinander. Dazu müssten zunächst viele Ressentiments ausgeräumt werden. Das wäre über gemeinsame Aufklärungsprojekte denkbar.

Denkbar. Aber nicht realistisch. Allem Wissen und Erfahrungen zufolge sind die Gräben teilweise so tief und die Abgrenzung wird bewusst so sehr gefördert und das Feindbild gezielt überzeichnet geschärft, dass ich nicht den Hauch einer Chance sehe, in absehbarer Zukunft für unser Recht und das Recht unserer Hunde gemeinsam zu kämpfen.

Es reicht eben nicht aus, dass vereinzelt sowohl eine gegenseitige wohlwollende fachliche Toleranz als auch gegenseitige Achtung vorhanden ist. Wie dies beim Verband professioneller Hundetrainer über Methoden hinweg mehr als 300 Kolleginnen und Kollegen täglich beweisen.

Sicher, Tony. Aber der konkrete erste Schritt wäre eine ehrliche Aufklärungskampagne über unsere Arbeit. Es ist oftmals irritierend und selbstverständlich völlig falsch, von welchen überzogenen Praktiken ausgegangen wird.

Solange der Fisch vom Kopf her stinkt, gibt es keine Hoffnung auf gemeinsame Power. Und wir müssen uns auf weitere zukünftige Schikanen und Einschränkungen der Politik und unserer tierärztlichen Konkurrenz gefasst machen, gegen die wir einzeln nur mühsam vorgehen werden können.

Unsere Hunde können am allerwenigsten etwas dafür.


Erklärung

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass sich der Artikel nicht gegen eine Methode oder Ideologie richtet, sondern gegen die daraus allzu oft resultierenden Verhaltensweisen von Menschen gegenüber anderen Menschen. 


Anhang

1. Offizielle Website desd Films

2. Trailer für den Film "Die Rüden" mit einem Interview mit Nadin Mathews und einigen kurzen Szenen bei "Tiere suchen ein Zuhause".

3. Der Name der Denunziantin wurde hier trotz Evidenz der Ausführungen nicht genannt. In unserer Gesellschaft haben auch solche Menschen das Recht, vor Übergriffen Dritter geschützt zu werden. Jedoch gebe ich bei berechtigtem Interesse, z.B. um sich vor dieser Person in Foren, Gruppen und Veranstaltungen zu schützen (Nachweis erforderlich, dass man Admin, Moderator oder Veranstalter ist) den Namen vertraulich weiter.