Freitag, 25. Juli 2014

§11: Stell Dir vor, es ist der 01.08 und keiner weiß von nix



Haben wir nicht alle, Hundehalter wie Hundetrainer, jahrelang moniert, dass unqualifizierte Kräfte ihre Dienste in der Hundebranche anboten? War nicht jedem Hundefreund der Möchtegern-Trainer von nebenan ein Dorn im Auge, der nach der Lektüre einiger Bücher, dem unreflektierten Konsum einiger Hundesendungen oder nach mehreren Konditionierungserfolgen mit dem eigenen Hund durch die Nachbarschaft in eine Verbesserungsmission zog? Und erst recht die Trainer, die mit viel Zwang und wenig Sachverstand Hunde teilweise dauerhaft schädigten, Halter noch mehr verzweifeln ließen und einen Premium-Nährboden für grünschleifige Schimpftiraden auf alle Trainer bereiteten, die mit aversiven (aber artgerechten) Methoden arbeiteten? Waren wir nicht alle froh, wenn auch gleichzeitig gespannt, als das Tierschutzgesetzt 2013 novelliert wurde?

“Die gesetzlichen Bestimmungen kommen unserem Anspruch entgegen, erstklassige Hundetrainer auszubilden, die professionell und erfolgreich mit Menschen und Hunden arbeiten”, sagte noch vor wenigen Monaten Susanne Pilz von der Fachakademie für Hundetrainer. Ein Jahr lang hatten die Behörden und Gremien nun Zeit, ein durchdachtes, umfassendes Konzept zu entwickeln. Eine Woche vor dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes gibt es jedoch nicht mal eine einzusehende Prüfungsordnung für die Zertifizierungen. Es wurde bislang versäumt, nachvollziehbare Kriterien aufzustellen, welche Ausbildungsbetriebe anerkannt werden und somit welche Absolventen über ausreichende theoretische und/oder praktische Kenntnisse für die Arbeit mit Hunden bereits verfügen und nicht mehr geprüft werden müssen. So herrscht z.B. bei der in der Theorie starken ATN (Akademie für Tiernaturheilkunde) mit so bekannten Dozentinnen wie Dr. Ute Blaschke-Berthold, Pia Gröning oder Maria Hense genauso weiterhin Unklarheit über die Anerkennung wie bei anderen Ausbildungsstätten. Ebenso wurde versäumt, Kriterien aufzustellen, deren Erfüllung die Zertifizierung langjähriger Hundetrainer und Hundeschulenbesitzer hätte erleichtern können. Mir fehlt das Einsehen, wenn erfahrene und allseits anerkannte Trainer und Trainerinnen, die seit Jahrzehnten erfolgreich ihrem Beruf nachgehen, nun dazu genötigt werden, Bücher und Skripte zu lesen, um sicher beantworten zu können, seit wie vielen Tausend Jahren der Hund als domestiziert gilt, ob ein Hund einen Blinddarm oder einen Appendix hat und was eine intermediäre Brücke ist. Natürlich gilt es auch bei altgedienten Kollegen objektiv aber auf eine angemessene Weise sicherzustellen, dass die Trainingsmethodik artgerecht ist. Doch genau dieser Herausforderung (Stichwort Angemessenheit) ist man bislang überhaupt nicht gerecht geworden.

Umsetzungs... was für ein Ding?

Schlimmer noch. Es ist kein ganzheitliches Konzept erkennbar. Bevor wir uns prüfen lassen, bedarf es einer gesetzlich anerkannten Prüfungsordnung. Die Prüfungsinhalte müssen ebenso transparent sein wie die Bewertungskriterien. Und dazu frei von Ideologien. Davon kann derzeit nicht die Rede sein. Im Gegenteil, es hat einen höchst bitteren Beigeschmack, wenn Tierärztinnen einerseits kostspielige Kurse zur Vorbereitung auf die anstehenden Prüfungen anbieten, andererseits aber auch selber diese Prüfungen durchführen und über die Zertifizierung der zu Prüfenden mitentscheiden. Eine inakzeptable Interessensverquickung liegt hier auf der Hand. Wenn dieselben Personen dann auch noch über den BHV die Prüfungsinhalte mit beeinflussen, muss über Ideologiefreiheit nicht weiter sinniert werden. Der BHV positioniert sich ja eindeutig in der nichtaversiven Ecke. Konzepte wie LaKoKo, körpersprachliches Führen, der korrekte Einsatz einer Wasserflasche oder die richtige Technik des Leinenrucks wird man unter solchen Umständen in der Prüfung kaum vorfinden. Schon mehren sich die Stimmen, die Prüfungen ganz nach den Erwartungen der Prüfer abzuleisten, um anschließend mit der bisherigen Arbeit wie gehabt fortzufahren. War das im Sinne des novellierten Gesetzes? Sicherlich nicht.

Doch auch bei den Mitgliedern des BHV herrscht verständlicherweise Zukunftsunsicherheit. Eine gute Lobbyarbeit kann ich jedenfalls nicht erkennen. Und dann erhebt sich da noch die Frage: Wer zertifiziert eigentlich die oben erwähnten Personen, die diese Situation so wunderbar für sich nutzen? Schließlich sind auch diese nicht nur Tierärztinnen sondern auch Trainerinnen.

Beklagt wurde in der Vergangenheit viel. Und doch schauten die meisten zunächst auf sich selbst. Solidarisch war man nur auf Streckenabschnitten. Immerhin entstand eine Gruppe auf Facebook, wo man sich zu dem Thema austauscht und einander hilft. Die Initiative Bunter Hund kam leider zu spät; sie blieb letztendlich nicht mehr als eine nette Facebookgruppe von Gleichgesinnten. Dabei hätte sie durchaus das Potential, eine Interessensvertretung der bunten Trainer zu werden und ein Gegengewicht zum BHV zu bilden. Und auch die bekannten Namen in der Szene, die umfangreich ausbilden und fortbilden, haben sich bislang auffällig dem Thema entzogen.

Initiative Buntes Hundetraining - ein brach liegendes Potential

Noch ist aber der 11er-Käse lange nicht gegessen. So langsam formiert sich gerade eine Front. Das Thema Klage und deren mögliche Formen in Deutschland werden eruiert. Spät machen sich die Trainer zu gemeinsamer Stärke auf. Man kann gemeinsam sicherlich mehr bewegen als jeder für sich allein. Und es geht nicht mehr nur um den Bestandsschutz. Sondern um gefühlte Willkür und dilettantisch anmutende Umsetzung eines Gesetzes, das anfangs so viel Hoffnung in der Hundebranche weckte. Heute wissen wir: durch die momentan stattfindende Zertifizierung wird der bestehende Markt nicht entscheidend gesäubert und der Schutz der Tiere nicht wesentlich verbessert. Stattdessen sind viele Kollegen verunsichert. Manche haben Angst vor der Zukunft und der Prüfung. Existentielle Angst. Andere fragen sich, weshalb sie hohe vierstellige Summen für ihre Ausbildung ausgegeben haben. Wiederum andere geben den (Neben)Beruf auf, darunter sind langjährige erfahrene Trainerinnen und Trainer, die ihre Betriebe nun an die nächste Generation weiter geben. Diese erfahrenen Fachleute werden wir sicherlich vermissen.

Mittelfristig, für die Zukunft, wird das neue Gesetz vermutlich eine Qualitätssteigerung des Berufes Hundetrainer nach sich ziehen. In die Zukunft blickend behält Susanne Pilz mit ihrer Aussage also dann doch noch Recht. Aber das hätte man auch erreichen können, ohne die bestehenden Trainer zu prüfen und einer solchen Ungewissheit und einem solchen existentiellen Druck auszusetzen.

Sonntag, 6. Juli 2014

Rucke, Impulse und Zuppeleien


Bei der Einwirkung auf den Hund mittels Leine gibt es nicht nur unterschiedliche Meinungen, ob diese an sich sinnvoll ist, sondern auch bzgl. der unterschiedlichen Begrifflichkeiten. Sind Rucke heftiger als Impulse? Oder versuchen Trainer durch den Impulsbegriff eine Einwirkung zu verharmlosen? Und welche Rolle spielt dabei das Zuppeln an der Leine? Sprechen wir Klartext.

Was ist eigentlich ein Ruck an der Leine? Hier sind sich die meisten noch einig: Ein mit dem Unterarm oder aus dem Handgelenk ausgeführter Zug mit lediglich sehr kurzer Straffung der Leine, wodurch der Hund ein deutliches und gemäßigt unangenehmes Signal von seinem Menschen erhält. Die Ausführung aus dem Handgelenk wird angestrebt, da sie die Gefahr einer zu intensiven Ausführung stark mindert. Manche Trainer nennen diese Einwirkung auch Impuls. Diesen Trainern wird zuweilen vorgeworfen, die Einwirkung dadurch zu verharmlosen.

Neben dem Leinenruck gibt es eine sich davon klar unterscheidende Methode, sowohl technisch als auch zweckgemäß: das Zuppeln. Beim Zuppeln wird mehrmals, ggf. mehrere Sekunden lang und ausschließlich aus dem Handgelenk mit sehr geringer Intensität an der Leine gezogen. Für den Hund soll diese Einwirkung nicht unangenehm sondern vielmehr irritierend, nervig sein. Bestenfalls ist ein kurzes Zuppeln für den Hund gar nur ein leichtes Signal, etwas langsamer zu werden oder sich mehr am Menschen zu orientieren. Manche Trainer bezeichnen nur diese Art der Einwirkung als Impuls.

Das Video zeigt ein kurzes Zuppeln, kaum wahrnehmbar,
in der Sekunde 5, als der Hund rechts zur Seite läuft.
Er zog anfangs ohne jegliche Rücksicht und Beachtung
des Menschen am anderen Ende der Leine. Das Video zeigt
das Ergebnis nach fünf Minuten Intensivtraining.

Damit ist die begriffliche Verwirrung aber zunächst perfekt. Um sie aufzulösen bemühe ich die Definition des Impulses. Physikalisch definiert ist dieser als das Produkt aus Masse und Geschwindigkeit. Je größer die Masse und je höher die Geschwindigkeit, umso stärker der Impuls. Damit ist es sachlich falsch, nur das Zuppeln als Impulsgabe an den Hund zu bezeichnen. Auch die Rucke sind selbstverständlich Impulse. Ebenso falsch ist der zuweilen vorgetragene Vorwurf der Verharmlosung von Leinenrucken durch deren Bezeichnung als Impulse. Gerade dadurch, dass Impulse jede beliebige Stärke haben können, ist die Bezeichnung keinesfalls verharmlosend.

Allerdings ist der Begriff Impuls neutraler als Ruck, er wird nicht so stark mit unangenehmer Einwirkung assoziiert. Die Verwendung eher neutraler aber dennoch korrekter Begriffe in der Kommunikation mit Kunden ist nicht nur ein erlaubtes, sondern gar ein wichtiges Mittel, um die Zusammenarbeit angenehm zu gestalten und die Akzeptanz von Methoden zu gewährleisten. Verantwortungsvolle Trainer und Trainerinnen kennen selbstverständlich mögliche Nebenwirkungen und Gefahren ihrer Methoden, klären die Kunden über diese wenn angebracht auf und verharmlosen dabei nichts.

Fazit

Sowohl Rucke als auch das Zuppeln sind Impulse, die der Hund empfängt. Der kurze Impuls beim Rucken ist intensiver als beim Zuppeln, aber dennoch an die Größe und Sensibilität des (gesunden) Hundes so angepasst, dass ein gesundheitlicher Schaden durch die Einwirkung ausgeschlossen wird. Das Zuppeln hingegen sind Mehrfachimpulse geringer Intensität in hoher Frequenz.

Um die beiden so verschiedenen Methoden auseinander zu halten, kommen wir um eine eindeutige Benennung wie Rucken und Zuppeln nicht herum.

Übrigens: Wenn wir bei der Verwendung des Wortes Impuls für das Rucken dem Vorwurf der Verharmlosung ausgesetzt sind, drängt sich mir sofort eine Diskussion der so überzogen negativen Bezeichnung Strafe für Korrekturen auf, die wir mit und an unseren Hunden durchführen. Aber das ... ist ein Thema für einen neuen Artikel.