Freitag, 28. Februar 2014

Rezension "Jeder Hund kann gehorchen lernen" von Dirk Lenzen

Wichtiges Thema, veraltete Ansichten, problematische Tipps


Meine Bewertung:



Dieses Buch liest sich leicht und angenehm. Der Autor ist ein erfahrener Hundetrainer, der seine Kenntnisse und Erfahrungen hier weiter gibt. Und es sind sehr viele hilfreiche Infos und Tipps darin enthalten, so dass ich dieses Buch gerne jedem empfehlen würde. Allerdings vermittelt das Buch teilweise ein falsches Wissen. Und zieht darauf basierend falsche Rückschlüsse. Das ist fatal.

Das Problem ist, dass der Autor davon ausgeht, dass Hunde Opportunisten sind. Sie lieben uns nicht, sondern assoziieren mit uns positive Erfahrungen: Futter, Action, Streicheleinheiten, Sicherheit. Deshalb freuen sie sich uns zu sehen. Gefühle und Liebe deuten wir lediglich, vermenschlichend, hinein, weil es doch so schön wäre, wenn unsere Hunde uns liebten. Sie vermissen uns als Person jedoch nicht sondern beklagen vielmehr die ungewohnte Situation, die ohne uns entsteht. Folgerichtig schwächt ein Training mittels Leckerlis unsere Führungsposition, da die gesamte Bindung sich nur durch das Verhalten zueinander definiert. Und ein Führer gibt in der Natur seine Leckerlis doch nicht ab. Klingt absolut schlüssig, nicht wahr?

Dirk Lenzen hält offenbar nicht nur die schon längst von Trainern und Haltern praktizierte kooperative Leitung für falsch. Und hält stattdessen am Konzept des menschlichen Rudelführers fest. Er hat auch die wissenschaftlichen Werke und Erkenntnisse wie z.B. John Bradshaws Hundeverstand (org: in defence of dogs) nicht gelesen. Das ist sicherlich kein Buch für jeden, liest sich schwer, ist eben von einem Wissenschaftler (und nicht von einem Trainer wie Lenzen oder ich es sind). Aber Bradshaw stellt klar, dass Hunde Gefühle wie Liebe höchstwahrscheinlich empfinden können und begründet das biologisch und physiologisch, auch durch hormonelle Indikation. Auch andere namhafte Trainer wie Udo Gansloßer, Perdita Lübbe-Scheuermann oder Thomas Baumann (Bindung und Beziehung: Man liebt nur was man kennt) oder Elisabeth Beck (Wer denken will, muss fühlen: Mit Herz und Verstand zu einem besseren Umgang mit Hunden) sehen einen Hund als emotionales Wesen an.

Gehen wir aber davon aus, dass Hunde uns lieben (ohne diese Liebe mit unserer Liebe gleichzusetzen, da wir zu viel komplexeren Gefühlen in der Lage sind), so sind nicht nur die gegenteiligen Aussagen Lenzens falsch. Vielmehr muss das Hauptthema seines Buches relativiert werden: Eine Erziehung durch Spiel, Lob, Gestik und Streicheleinheiten würde ich als sinnvolle und wichtige Alternative (aber ja doch) zu der leckerlifokussierten Hundearbeit sehen. So sieht es auch Baumann. Für die Beziehung Hund-Mensch ist sie jedoch unschädlich, wenn sie mit Bedacht geschieht d.h. wir nicht für unseren Hund zum Leckerli-Automaten werden. Viele Hundehalter, die schon mit Leckerlis genug Probleme haben, Ihren Liebling das gewünschte Verhalten beizubringen, stellen solche (= Lenzens) Aussagen vor noch größere Hürden. Denn um ohne Leckerlis mit einem Hund zu arbeiten, und das wird in dem Buch gar nicht erst erwähnt, bedarf es bereits einer gesunden Beziehung und einer guten Verständigung zwischen Mensch und Hund (und nicht umgekehrt) sowie ein besonderes Maß an Einfühlungsvermögen und an Trainingserfahrung. Der normale Hundehalter steht da oft auf verlorenem Posten.

Geht man nach Lenzen vor, so taucht noch ein anderes Problem auf. Einen Hund durch Lob, Streicheleinheiten oder Spiel zu loben hat Folgen, auf die Lenzen nicht eingeht. Damit Lob und Streicheleinheiten wirklich motivierend wirken, dürften diese jenseits des Trainings nur selten dem Hund gegeben werden. Wer möchte das denn? Und belohnt man mit Spiel (Ball, Stöckchen, Seil), besteht die Gefahr einer Fixierung auf den Spielgegenstand. Zudem ist diese Vorgehensweise recht mühsam, weil das Training für das Spiel immer wieder unterbrochen wird. Leckerlis können dagegen sehr effektiv eingesetzt werden, um Befehle oder Tricks zu erlernen. Der umsichtige Trainer weiß sie beim Trainingsfortschritt entsprechend abzubauen (auszuschleichen) und z.B. durch Lob oder gar Freude zu ersetzen. Letztendlich basiert die Hund-Mensch-Beziehung nicht allein auf gemeinsamem Training sondern auf dem Gesamtverhalten des Halters zu seinem Hund und der daraus bereits entstandenen Beziehung und Bindung inklusive Gefühle auf beiden Seiten. Daher ist für mich der richtige Grundumgang mit dem Hund die Basis für ein problemloses Zusammenleben und nicht einzelne Aktionen wie Bett ja oder nein oder Training mit Leckerlis ja oder nein.

So beleuchtet dürfte verständlich werden, weshalb Lenzens Leckerli-Aussage nicht ohne weitere Erläuterung so stehen gelassen werden kann. Und auch nicht jedem empfohlen werden sollte. Hier wird der Autor seiner Verantwortung nicht gerecht, meine ich. Trotz dieser Mängel kann es sinnvoll sein, das Buch zu lesen und - wie immer beim Thema Hund - das Beste mitzunehmen. Personen, die noch nach dem richtigen Umgang mit Ihrem Hund suchen möchte ich von diesem Buch aber abraten: Sie werden durch das Buch nur verunsichert und machen dann wahrscheinlich mehr falsch als richtig.

So hat der Autor seine Chance vertan, über das wichtige Thema Hundetraining ohne Leckerlis gestalten Hundehalter verantwortungsvoll zu informieren und es den modernen Erkenntnissen entsprechend zu präsentieren.