Freitag, 17. Januar 2014

Rezension „Duell auf offener Straße“ von Nadin Matthews

3 sehr gut präsentierte Aggressionsfälle samt Lösungen auf einer DVD höchster Filmqualität


Meine Bewertung:
Cover bei Amazon und Cadmos

Die DVD fängt mit einem wichtigen Hinweis an, dass die vorgestellten Methoden nicht ohne fachliche Begleitung umgesetzt werden sollten. Noch weiß ich nicht, was mich erwartet. Aufgrund der Amazon-Rezensionen weiß ich, dass die DVD extrem polarisiert hat. Ich bin auf das Schlimmste gefasst. Aber so schlimm wird es gar nicht.
Nadin Matthews beginnt jeden Fall mit einem ausführlichen Gespräch. Ich bemerke schnell, wie erfahren sie ist. Sie geht den Dingen auf den Grund, fragt nach, wo andere einen Hacken dahinter gesetzt hätten. Z.B. auf die Aussage „er beißt“ fragt sie „was bedeutet für Dich beißen?“. Genau richtig. Denn als erfahrene Trainerin weiß sie, dass vieles, was Hundehalter sagen, durch deren Wissen und emotionale Beziehung zum Hund beeinflusst wird.

Anschließend macht sie einige Tests und bekommt so ein noch besseres Bild von der Beziehung zum Hund und dem Problem. Als erste Hausaufgabe dürfen in allen drei Fällen die Hundebesitzer an der Beziehung zum Hund arbeiten und diese verbessern. Zusätzlich dazu erklärt Matthews der Halterin im Fall eins, wie diese eine emotionale Vorarbeit leisten kann.
Cover bei meiner DVD
NMs Analysefähigkeiten überzeugen mich. Sie hat auch das aus meiner Sicht richtige Konsequenzverständnis für eine effiziente Arbeit mit Hunden. Nicht die sogenannten Hausstandsregeln sind für die Anerkennung des Menschen als souveränen Leiter maßgeblich, sondern, wer im Alltag die Entscheidungen trifft und sie ohne viel Aufregung im Zweifelsfall konsequent durchsetzt.

NM sieht, genauso wie z.B. die pV-Puristin von Reinhardt, einen sehr gute Leinenführigkeit als Voraussetzung für den Abbau von Aggressionen an der Leine. Allerdings unterscheiden sich die Methoden, wie beide Trainerinnen dabei vorgehen. Leitet von Reinhardt den Hund an und hilft ihm durch Zuwendung und Handzeichen zu folgen, so arbeitet Matthews mit einem Leinenimpuls. Das ist definitiv weniger sanft, richtig angewandt kann es aber anstatt Tagen oder gar Wochen an Trainingsarbeit innerhalb von Sekunden bis Minuten (nach 1-4 Impulsen) bereits zum gewünschten Verhalten beim Hund führen.

Hervorragend ist die leitende Arbeit, die NM dem Hund gegenüber zeigt und (das ist meine Meinung) der von Reinhardt  deutlich überlegen. Beide Frauen kommunizieren mit dem Hund. Während von Reinhardt dabei bemüht ist, mittels Sprache die Aufmerksamkeit des Hundes zu erhalten und mit der Hand den Weg zu zeigen, ist der Hund bei Matthews aufmerksam, denn sie arbeitet sehr geschickt mit dem gesamten Körper und der Gewichtsverlagerung. Das ist spannend für den Hund, intensiver und ursprünglicher. Hier kann der Zuschauer viel Mitnehmen, wie man mit einem Hund umgehen kann. Wie sie ihm dabei signalisiert, dass sich die Richtung ändert, ist fabelhaft. Ein Cesar Millan, der eigentlich ähnlich arbeitet,  erscheint mir neben ihr wie ein Grobmotoriker. Das Angebot, welches NM den Hunden macht, mitzugehen oder zu ihr zu kommen, wird sofort verstanden und angenommen. Das ist die Art des Umgangs mit einem Hund, die (mich) begeistert: intuitiv, natürlich verständlich, mit einer unsichtbaren intensiven Verbindung zwischen Mensch und Hund.

Alle drei Aggressionsfälle behandelt Matthews individuell und somit unterschiedlich. Zum Anwendung kommen dabei Diskscheiben bei einem unsicheren Hund, ein Griff ins Fell bei einem unaufmerksamen Hund und Ignoranz bei einem nach außen orientierten Hund, um eine Umorientierung bei diesem zu erreichen.

Über die einzelnen Methodenelemente darf man sich gerne streiten: Sind Diskscheiben bei einem ohnehin schon unsicheren Hund nicht ein eher unglücklich gewähltes Mittel, welches zu noch mehr Verunsicherung führen kann? Sind Leinenrucke ein Mittel von gestern und positive Verstärkung die einzig akzeptable Methode? Kann ein Griff ins Fell bei einem erregten Hund nicht zu einem Biss in die Hand führen? Es wird Hundehalter geben, die alle diese Fragen mit ja beantworten. Wie auch immer der Zuschauer diese Fragen für sich beantwortet: Nadin Matthews wusste, was sie tat und genau darauf kommt es bei der Arbeit mit Hunden an: eine Methode darf nicht für sich betrachtet werden (schon gar nicht aus einem ideologischen Blickwinkel) sondern stets in den Händen eines kompetenten Trainers. Der Erfolg in allen drei Fällen zeigt, dass Matthews die Methoden zum Vorteil von Mensch und Hund gewählt hat.

Alles in allem sehe ich keinen Grund etwas von den 5 Sternen abzuziehen. Die DVD ist Ihr Geld wert. Wenn der normale Hundehalter allerdings erwartet, seinem aggressiven Hund danach das Verhalten selbst abtrainieren zu können, unterschätzt er die Komplexität dieses Vorhabens erheblich. Ich verweise noch einmal auf den Hinweis am Anfang der DVD


Ergänzende Tipps und Anmerkungen

1. Die DVD hat eine Spielzeit von 1:19 Stunden (79 Minuten) und nicht von 90. Da hat einer wohl gepennt.

2. Das Cover auf meiner DVD war ein anderes als das bei Amazon abgebildete. Ich lade hier beide Cover hoch.

Samstag, 4. Januar 2014

Rezension "Leinenaggressionen" von Clarissa von Reinhardt

Sehr gute Lösungen, Buch hat jedoch auch Schwächen


Meine Bewertung:

Clarissa von Reinhardt gehört zu den Trainerinnen, die sich vollkommen der positiven Verstärkung (pV) verschrieben haben. Dafür steht ja auch der Verlag „Animal Learn“. Insider der Szene wissen das ja. Ich schaue mir solche Bücher, die einer Ideologie folgen, besonders kritisch an.

Das Buch ist mit seinen knapp 70 Seiten recht kompakt. Die Autorin erläutert zunächst, was Leinenaggression überhaupt ist und wie sie sich von einer allgemeinen Aggression unterscheidet. Anschließend zählt sie verschiedene Ursachen von Leinenaggressionen auf und gibt dafür Beispiele an. Den (für mich) ersten Teil des Buches schließt sie damit ab, dass sie Hilfsmittel bewertet und empfiehlt oder deren Schwächen aufzeigt.

Den zweiten Teil Ihres Buches (ab Seite 37) beginnt sie damit, dass sie für die anschließenden Lösungen eine grundsätzlich gute Leinenführigkeit (ohne die Reizobjekte, die eine Aggression auslösen) voraussetzt und anschaulich in kleinen Schritten, wie man eine solche aufbaut. Dann beschreibt sie, ebenfalls sehr anschaulich, zwei sanfte Methoden des Aggressionsabbaus: Sukzessive Approximation und, so würde ich es nennen, rückwärtige Leinenakzeptanz. Sie ergänzt die Methoden um viele allgemeine Tipps und geht dabei ebenfalls auf den notwendigen mentalen und emotionalen Zustand des Trainers / Hundehalters bei der Durchführung der beiden Trainingsvarianten und der daraus resultierenden Kommunikation mit dem Hund.

So weit so gut. Ein Manko dieses Buches ist, dass die Autorin 9 Seiten lang die Probleme und negative Folgen bei dem Einsatz von Sprühbändern erläutert. Das sind fast 15% des kurzen Buches. Verständlich wird es dadurch, dass die Erstauflage wohl 2008 stattfand, als auf VOX die Hundenanny Katja Geb-Mann Hunde teilweise mit eben solchen Sprühbändern behandelte. Der Autorin wird es ein Anliegen gewesen sein, die Kontraproduktivität und die Gefahren dieser Geräte aufzuzeigen. Verständlich zwar, aus der heutigen Sicht der Abschnitt in dieser Ausführlichkeit in einem schlechten Verhältnis zum Gesamtinhalt und Hauptthematik des Buches. Am Ende wird vor den TV-Hundenannys noch einmal eindringlich gewarnt. Nachdem bei uns mittlerweile auch VS (Stilwell) und MR (Rütter), zwei Hundeexperten, die fast ausschließlich mit positiver Verstärkung arbeiten, ausgestrahlt wurden, müsste diese Warnung zumindest neu formuliert werden. Ansonsten sei anzumerken, dass auf Seite 49 von einer Korrektur gesprochen wird, ohne sie zu erläutern (wobei das Wort „Korrektur“ nicht so ganz in das Vokabular des pV-Trainings passt).


Ergänzende Tipps

Seite 43: Die hier erwähnte leitende Handbewegung, die ich hervorragend finde, sollten Sie bereits ohne Leine in reizarmer Umgebung, z.B. daheim, eine Weile einüben, damit sie dem Hund bekannt ist, bevor Sie diese draußen einsetzen.

Seite 56: Zu dem hier beschriebenen Bogen sei gesagt, dass sowohl dieser als auch der gesamte Trainingsfortschritt durch die Qualität der Beziehung (Stichwort Vertrauen / Schutz / Sicherheit) zwischen Ihnen und ihrem Hund extrem positiv beeinflusst werden kann. Damit ist jedoch nicht sein Vertrauen bei Streicheleinheiten gemeint (was Hundehalter oft annehmen) sondern, inwiefern er gelernt hat, dass er sich in für IHN kritischen Situationen auf Ihr Urteil und Ihre Leitung verlassen kann.

Seite 57: Hier sollte man damit starten, dass Sie dem anderen Hund folgen, keinesfalls umgekehrt. So kann Ihr Hund den vor ihm laufenden Artgenossen sowohl olfaktorisch als auch visuell wahrnehmen (= riechen und sehen) und sich an ihn gewöhnen. Umgekehrt mag die Situation trotz eines Abstands beunruhigend sein und den Stresspegel ihres Hundes unnötig erhöhen.

Ansonsten sei hier noch der allgemeine Tipp erwähnt, die Leine bei einer Begegnung einfach mal loszulassen, kurz bevor sie sich anspannt, sofern es die Umgebung erlaubt, um einen Trainingsrückfall zu vermeiden.