Samstag, 27. September 2014

Frau Nowak und der erste Schritt

Worüber schon seit Monaten spekuliert wurde und was man mir bereits vor ca. 3 Monaten aus engsten Kreisen der Trainerin berichtete, ist nun geschehen: Maike Maja Nowak hat Stellung bezogen und sich von Barbara Ertel distanziert.

Etwas mehr Mut Frau Nowak. So wird das nichts.
In Ihrem Resümee erläutert Sie Ihre Beweggründe, so lange den Weg mit Frau Ertel beschritten zu haben, erklärt Ihre Passion zu den Strukturen bei Hunderudeln und führt an, weshalb sie sich nun von Frau Ertel distanziert.

Schon gibt es erste Reaktion. Gehässig und unsachlich wie gewohnt. Vom Absprung von einem springenden Zug ist die Rede. Und von dem Ziehen des Kopfes aus der Schlinge, bevor es ganz zu spät ist. Typisch Hundeszene. Wie bewertet man aber dieses Resümee sachlich und ohne Polemik?

Die Passion von Frau Nowak kann ich sehr gut nachvollziehen. Die Hundewissenschaft bestreitet die Typveranlagungen von Hunden keineswegs. Und der Magie, wenn mehrere Hunde miteinander harmonieren, sind in den letzten Jahren viele Hundehalter erlegen.

Doch mit ihrem Resümme, einer Endabrechnung also, überzeugt sie mich nicht. Nach anderthalb Jahren an der Seite von Frau Ertel will sie erst jetzt die diktatorischen Verfahrensweisen und deren Art mit Menschen umzugehen erkannt haben? Verfügt sie über so wenig Menschenkenntnis und Wahrnehmungsfähigkeiten, es tatsächlich erst jetzt erkannt zu haben? Das wäre ein Armutszeugnis für jeden Hundetrainer, der von der Wahrnehmung sowohl beim Mensch als auch beim Tier lebt. Das glaube ich ihr nicht. Dafür hat sie viel zu viel Gespür für Mensch und Tier, was sowohl im persönlichen Umgang mit Ihr spürbar wird (den ich zwar nicht hatte, aber mehrere mir nahe stehende Personen) als auch bei der Lektüre Ihrer Bücher.

Da erhebt sich doch eher die Frage, ob sie berechnend genug war, um diese bewusst in Kauf zu nehmen. Das wäre kein sympathischer Charakterzug. Oder vielleicht peu à peu in eine Situation kam, aus der sie nicht rechtzeitig raus kam und später nicht mehr wusste, wie sie es tun sollte.

Wie auch immer: Ihre Endabrechnung besteht aus 5/6 Erklärung Ihrer Hingabe für die Hundetypen und wie sie weiter machen möchte und gerade mal einigen wenigen Sätzen, die Ihres Rückzugs von den gemeinsamen Aktivitäten mit Frau Ertel erklären. Für mich zu wenig, um dies als einen vollständigen und ehrlichen Schritt anzuerkennen. Bei dieser Taktik muss sie eher damit rechnen, dass sie nun auch noch die letzten Sympathisanten, die zu ihr gehalten haben, verliert und sich noch weiter ins Abseits schießt.

Mein kollegialer Rat: Gehen Sie den ganzen Weg, Frau Nowak. Mutig, ehrlich, offen. Beschreiben Sie uns, in welcher Situationen sie sich befanden, was sie dabei fasziniert und was Sie abgestoßen hat. Und weshalb Sie so lange den Irrweg der Frau Ertel mitgegangen sind. Und ich bin sicher, dass Sie Verständnis und Absolution von der zuweilen so gnadenlosen Hundeszene ernten werden.

Talent als Schreiberin haben Sie ja mehrfach bewiesen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei.


Freitag, 25. Juli 2014

§11: Stell Dir vor, es ist der 01.08 und keiner weiß von nix



Haben wir nicht alle, Hundehalter wie Hundetrainer, jahrelang moniert, dass unqualifizierte Kräfte ihre Dienste in der Hundebranche anboten? War nicht jedem Hundefreund der Möchtegern-Trainer von nebenan ein Dorn im Auge, der nach der Lektüre einiger Bücher, dem unreflektierten Konsum einiger Hundesendungen oder nach mehreren Konditionierungserfolgen mit dem eigenen Hund durch die Nachbarschaft in eine Verbesserungsmission zog? Und erst recht die Trainer, die mit viel Zwang und wenig Sachverstand Hunde teilweise dauerhaft schädigten, Halter noch mehr verzweifeln ließen und einen Premium-Nährboden für grünschleifige Schimpftiraden auf alle Trainer bereiteten, die mit aversiven (aber artgerechten) Methoden arbeiteten? Waren wir nicht alle froh, wenn auch gleichzeitig gespannt, als das Tierschutzgesetzt 2013 novelliert wurde?

“Die gesetzlichen Bestimmungen kommen unserem Anspruch entgegen, erstklassige Hundetrainer auszubilden, die professionell und erfolgreich mit Menschen und Hunden arbeiten”, sagte noch vor wenigen Monaten Susanne Pilz von der Fachakademie für Hundetrainer. Ein Jahr lang hatten die Behörden und Gremien nun Zeit, ein durchdachtes, umfassendes Konzept zu entwickeln. Eine Woche vor dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes gibt es jedoch nicht mal eine einzusehende Prüfungsordnung für die Zertifizierungen. Es wurde bislang versäumt, nachvollziehbare Kriterien aufzustellen, welche Ausbildungsbetriebe anerkannt werden und somit welche Absolventen über ausreichende theoretische und/oder praktische Kenntnisse für die Arbeit mit Hunden bereits verfügen und nicht mehr geprüft werden müssen. So herrscht z.B. bei der in der Theorie starken ATN (Akademie für Tiernaturheilkunde) mit so bekannten Dozentinnen wie Dr. Ute Blaschke-Berthold, Pia Gröning oder Maria Hense genauso weiterhin Unklarheit über die Anerkennung wie bei anderen Ausbildungsstätten. Ebenso wurde versäumt, Kriterien aufzustellen, deren Erfüllung die Zertifizierung langjähriger Hundetrainer und Hundeschulenbesitzer hätte erleichtern können. Mir fehlt das Einsehen, wenn erfahrene und allseits anerkannte Trainer und Trainerinnen, die seit Jahrzehnten erfolgreich ihrem Beruf nachgehen, nun dazu genötigt werden, Bücher und Skripte zu lesen, um sicher beantworten zu können, seit wie vielen Tausend Jahren der Hund als domestiziert gilt, ob ein Hund einen Blinddarm oder einen Appendix hat und was eine intermediäre Brücke ist. Natürlich gilt es auch bei altgedienten Kollegen objektiv aber auf eine angemessene Weise sicherzustellen, dass die Trainingsmethodik artgerecht ist. Doch genau dieser Herausforderung (Stichwort Angemessenheit) ist man bislang überhaupt nicht gerecht geworden.

Umsetzungs... was für ein Ding?

Schlimmer noch. Es ist kein ganzheitliches Konzept erkennbar. Bevor wir uns prüfen lassen, bedarf es einer gesetzlich anerkannten Prüfungsordnung. Die Prüfungsinhalte müssen ebenso transparent sein wie die Bewertungskriterien. Und dazu frei von Ideologien. Davon kann derzeit nicht die Rede sein. Im Gegenteil, es hat einen höchst bitteren Beigeschmack, wenn Tierärztinnen einerseits kostspielige Kurse zur Vorbereitung auf die anstehenden Prüfungen anbieten, andererseits aber auch selber diese Prüfungen durchführen und über die Zertifizierung der zu Prüfenden mitentscheiden. Eine inakzeptable Interessensverquickung liegt hier auf der Hand. Wenn dieselben Personen dann auch noch über den BHV die Prüfungsinhalte mit beeinflussen, muss über Ideologiefreiheit nicht weiter sinniert werden. Der BHV positioniert sich ja eindeutig in der nichtaversiven Ecke. Konzepte wie LaKoKo, körpersprachliches Führen, der korrekte Einsatz einer Wasserflasche oder die richtige Technik des Leinenrucks wird man unter solchen Umständen in der Prüfung kaum vorfinden. Schon mehren sich die Stimmen, die Prüfungen ganz nach den Erwartungen der Prüfer abzuleisten, um anschließend mit der bisherigen Arbeit wie gehabt fortzufahren. War das im Sinne des novellierten Gesetzes? Sicherlich nicht.

Doch auch bei den Mitgliedern des BHV herrscht verständlicherweise Zukunftsunsicherheit. Eine gute Lobbyarbeit kann ich jedenfalls nicht erkennen. Und dann erhebt sich da noch die Frage: Wer zertifiziert eigentlich die oben erwähnten Personen, die diese Situation so wunderbar für sich nutzen? Schließlich sind auch diese nicht nur Tierärztinnen sondern auch Trainerinnen.

Beklagt wurde in der Vergangenheit viel. Und doch schauten die meisten zunächst auf sich selbst. Solidarisch war man nur auf Streckenabschnitten. Immerhin entstand eine Gruppe auf Facebook, wo man sich zu dem Thema austauscht und einander hilft. Die Initiative Bunter Hund kam leider zu spät; sie blieb letztendlich nicht mehr als eine nette Facebookgruppe von Gleichgesinnten. Dabei hätte sie durchaus das Potential, eine Interessensvertretung der bunten Trainer zu werden und ein Gegengewicht zum BHV zu bilden. Und auch die bekannten Namen in der Szene, die umfangreich ausbilden und fortbilden, haben sich bislang auffällig dem Thema entzogen.

Initiative Buntes Hundetraining - ein brach liegendes Potential

Noch ist aber der 11er-Käse lange nicht gegessen. So langsam formiert sich gerade eine Front. Das Thema Klage und deren mögliche Formen in Deutschland werden eruiert. Spät machen sich die Trainer zu gemeinsamer Stärke auf. Man kann gemeinsam sicherlich mehr bewegen als jeder für sich allein. Und es geht nicht mehr nur um den Bestandsschutz. Sondern um gefühlte Willkür und dilettantisch anmutende Umsetzung eines Gesetzes, das anfangs so viel Hoffnung in der Hundebranche weckte. Heute wissen wir: durch die momentan stattfindende Zertifizierung wird der bestehende Markt nicht entscheidend gesäubert und der Schutz der Tiere nicht wesentlich verbessert. Stattdessen sind viele Kollegen verunsichert. Manche haben Angst vor der Zukunft und der Prüfung. Existentielle Angst. Andere fragen sich, weshalb sie hohe vierstellige Summen für ihre Ausbildung ausgegeben haben. Wiederum andere geben den (Neben)Beruf auf, darunter sind langjährige erfahrene Trainerinnen und Trainer, die ihre Betriebe nun an die nächste Generation weiter geben. Diese erfahrenen Fachleute werden wir sicherlich vermissen.

Mittelfristig, für die Zukunft, wird das neue Gesetz vermutlich eine Qualitätssteigerung des Berufes Hundetrainer nach sich ziehen. In die Zukunft blickend behält Susanne Pilz mit ihrer Aussage also dann doch noch Recht. Aber das hätte man auch erreichen können, ohne die bestehenden Trainer zu prüfen und einer solchen Ungewissheit und einem solchen existentiellen Druck auszusetzen.

Sonntag, 6. Juli 2014

Rucke, Impulse und Zuppeleien


Bei der Einwirkung auf den Hund mittels Leine gibt es nicht nur unterschiedliche Meinungen, ob diese an sich sinnvoll ist, sondern auch bzgl. der unterschiedlichen Begrifflichkeiten. Sind Rucke heftiger als Impulse? Oder versuchen Trainer durch den Impulsbegriff eine Einwirkung zu verharmlosen? Und welche Rolle spielt dabei das Zuppeln an der Leine? Sprechen wir Klartext.

Was ist eigentlich ein Ruck an der Leine? Hier sind sich die meisten noch einig: Ein mit dem Unterarm oder aus dem Handgelenk ausgeführter Zug mit lediglich sehr kurzer Straffung der Leine, wodurch der Hund ein deutliches und gemäßigt unangenehmes Signal von seinem Menschen erhält. Die Ausführung aus dem Handgelenk wird angestrebt, da sie die Gefahr einer zu intensiven Ausführung stark mindert. Manche Trainer nennen diese Einwirkung auch Impuls. Diesen Trainern wird zuweilen vorgeworfen, die Einwirkung dadurch zu verharmlosen.

Neben dem Leinenruck gibt es eine sich davon klar unterscheidende Methode, sowohl technisch als auch zweckgemäß: das Zuppeln. Beim Zuppeln wird mehrmals, ggf. mehrere Sekunden lang und ausschließlich aus dem Handgelenk mit sehr geringer Intensität an der Leine gezogen. Für den Hund soll diese Einwirkung nicht unangenehm sondern vielmehr irritierend, nervig sein. Bestenfalls ist ein kurzes Zuppeln für den Hund gar nur ein leichtes Signal, etwas langsamer zu werden oder sich mehr am Menschen zu orientieren. Manche Trainer bezeichnen nur diese Art der Einwirkung als Impuls.

Das Video zeigt ein kurzes Zuppeln, kaum wahrnehmbar,
in der Sekunde 5, als der Hund rechts zur Seite läuft.
Er zog anfangs ohne jegliche Rücksicht und Beachtung
des Menschen am anderen Ende der Leine. Das Video zeigt
das Ergebnis nach fünf Minuten Intensivtraining.

Damit ist die begriffliche Verwirrung aber zunächst perfekt. Um sie aufzulösen bemühe ich die Definition des Impulses. Physikalisch definiert ist dieser als das Produkt aus Masse und Geschwindigkeit. Je größer die Masse und je höher die Geschwindigkeit, umso stärker der Impuls. Damit ist es sachlich falsch, nur das Zuppeln als Impulsgabe an den Hund zu bezeichnen. Auch die Rucke sind selbstverständlich Impulse. Ebenso falsch ist der zuweilen vorgetragene Vorwurf der Verharmlosung von Leinenrucken durch deren Bezeichnung als Impulse. Gerade dadurch, dass Impulse jede beliebige Stärke haben können, ist die Bezeichnung keinesfalls verharmlosend.

Allerdings ist der Begriff Impuls neutraler als Ruck, er wird nicht so stark mit unangenehmer Einwirkung assoziiert. Die Verwendung eher neutraler aber dennoch korrekter Begriffe in der Kommunikation mit Kunden ist nicht nur ein erlaubtes, sondern gar ein wichtiges Mittel, um die Zusammenarbeit angenehm zu gestalten und die Akzeptanz von Methoden zu gewährleisten. Verantwortungsvolle Trainer und Trainerinnen kennen selbstverständlich mögliche Nebenwirkungen und Gefahren ihrer Methoden, klären die Kunden über diese wenn angebracht auf und verharmlosen dabei nichts.

Fazit

Sowohl Rucke als auch das Zuppeln sind Impulse, die der Hund empfängt. Der kurze Impuls beim Rucken ist intensiver als beim Zuppeln, aber dennoch an die Größe und Sensibilität des (gesunden) Hundes so angepasst, dass ein gesundheitlicher Schaden durch die Einwirkung ausgeschlossen wird. Das Zuppeln hingegen sind Mehrfachimpulse geringer Intensität in hoher Frequenz.

Um die beiden so verschiedenen Methoden auseinander zu halten, kommen wir um eine eindeutige Benennung wie Rucken und Zuppeln nicht herum.

Übrigens: Wenn wir bei der Verwendung des Wortes Impuls für das Rucken dem Vorwurf der Verharmlosung ausgesetzt sind, drängt sich mir sofort eine Diskussion der so überzogen negativen Bezeichnung Strafe für Korrekturen auf, die wir mit und an unseren Hunden durchführen. Aber das ... ist ein Thema für einen neuen Artikel.

Dienstag, 15. April 2014

Team oder Rudel?



Im Grunde genommen ist es egal, wie ich die Gemeinschaft mit meinem Hund nenne, wenn damit nicht automatisch eine bestimmte Art der Hundeerziehung beschrieben wird.

Diesen klugen Satz fand ich neulich auf einer Internetseite1. Und doch ist die Bezeichnung „Rudel“ eines der ewigen Streitthemen in etlichen Hundeforen und Diskussionsgruppen. Ich bin der Meinung, dass es nur einen Grund gibt, weshalb sich viele gegen diese Bezeichnung aussprechen. Oder gar aversiv darauf reagieren.  Es ist die damit oft verbundene Denke über Erziehungsmethoden. Gerne kommt man von Rudel auf Rudelführung und von Rudelführung auf Rangordnung, Dominanz und Hausstandsregeln.

Betrachten wir im Folgenden daher den Begriff „Rudel“ unabhängig von diesen Zusammenhängen, die zwar oft vorkommen, aber für die Betrachtung der Bezeichnung „Rudel“ unerheblich sind und auch einer hiervon getrennten Einordnung bedürfen. Zudem werden wir Erziehungseinstellungen nicht dadurch ändern, dass wir Begrifflichkeiten in Frage stellen. Sondern indem wir bzgl. dieser Erziehungsmethoden eine ehrliche Einsicht bei den Hundehaltern und Hundetrainern erzielen.


Schauen wir zunächst einmal umgekehrt auf das Verhältnis zwischen Mensch und Hund. Was ist denn der Hund für uns? Auf jeden Fall ein Haustier. Auch ein Freund. Irgendwie sogar ein Familienmitglied. Höre ich Widerspruch? Wenn nein, wieso nicht? Kann ein Hund ein Freund sein? Mal im Duden die Definition für "Freund" nachschlagen: „Eine Person...“. Ok, also kein Freund. Familienmitglied streng genommen auch nicht. Denn eine Verwandtschaftsbeziehung ist definitiv nicht vorhanden. Hier erkennen wir also die Tücken, wenn wir anfangen, jede Bezeichnung ganz streng nach Duden & Co zu beleuchten. Die Definition, was ein Rudel ist, sollte man schon kennen. Aber der Duden ist auch nur ein sich dynamisch anpassender Spiegel unserer Erkenntnisse und unserer Gesellschaft. Eine sehr gute Definition, verhaltensbiologisch, bietet online Wikipedia2:

Rudel ist die umgangssprachliche Bezeichnung für eine geschlossene und individualisierte Gruppe von Säugetieren. Ein Rudel ist eine geschlossene Gruppe, weil die Mitglieder eines Rudels nicht beliebig austauschbar sind und es ist eine individualisierte Gruppe, weil die Mitglieder der Gruppe sich untereinander erkennen.

Wir könnten also, genauso wie wir etwas unsachgemäß unseren Hund als Freund bezeichnen, die Gemeinschaft mit ihm als Rudel bezeichnen. Auch etwas unsachgemäß? Das denke ich nicht. Alle Kriterien der obigen Definition werden erfüllt. Es kommt außerdem nicht darauf an, wie wir den Hund sehen. Sondern eher darauf, wie uns der Hund sieht. Das allerdings werden wir leider nie genau wissen können. Doch wir können sein Verhalten beurteilen. Er weiß, dass wir keine Hunde sind. Aber er verhält sich uns gegenüber in vielerlei Hinsicht ähnlich wie gegenüber Rudelmitgliedern seiner Art. Er fordert uns ähnlich zum Spielen auf. Er behauptet sich uns gegenüber ähnlich und gibt ähnlich nach. Er schnüffelt sogar auch gerne in unserem Genitalbereich (nur wir tun es aus guten Gründen nicht umgekehrt). Er sucht ähnlich nach Körperkontakt und braucht uns in ähnlicher Weise. Weshalb sollten wir also auf die Bezeichnung "Rudel" verzichten, wenn nicht aus dem oben genannten und schon entkräfteten Grund der davon zuweilen fälschlich abgeleiteten Erziehungsmethoden?

Letzter Rettungsanker für die Gegner dieser Bezeichnung: In manchen Definitionen von „Rudel“ steht, dass die Mitglieder (fast) ausschließlich einer und derselben Art angehören. Und Mensch und Hund gehören nun einmal einer anderen Spezies.

Eine Herde aus ca. 30 Menschen und 40 Hunden beim Februar-Spaziergang.
Ganz vorne: Sharik.

Ich argumentiere dagegen und behaupte, dass ein Rudel nicht zwingend aus gleichartigen Lebewesen bestehen muss. Bei einer Herde ist das bereits laut Definition der Fall. Es schließen sich zuweilen unterschiedliche Tierarten zu Herden zusammen. Damit eine so kleine Gruppe wie ein Rudel aus Mitgliedern verschiedener Arten bestehen kann, müssen Kriterien erfüllt sein, die kaum in der Natur vorkommen. Die unterschiedlichen Spezies müssen

  • für sich genommen mit Anderen der eigenen Spezies in Gemeinschaften leben,
  • miteinander sozial verträglich sein,
  • einen Vorteil von der Gemeinschaft haben,
  • miteinander kommunizieren können,
  • miteinander zu vereinbarende Lebensbedingungen haben.

Die einzige soziale Gemeinschaft, die diese Kriterien erfüllt, ist die Gemeinschaft zwischen Mensch und Hund.Und wie nennen wir das? Ein Team?

Schauen wir doch mal auf diese heutzutage so modern gewordene Bezeichnung Mensch-Hund-Team. Würde der Hund das Wort Team für zutreffender halten als die Bezeichnung Rudel? Bilden Hunde Teams untereinander? Besteht ein Team laut Duden nicht gar immer aus Personen? Und wenn wir da schon ein Auge zudrücken, werden Teams nicht immer nur temporär und zum Erreichen irgendwelcher Ziele gebildet? Den Begriff können wir also ebenso hinterfragen.

Natürlich werden wir, mein Hund Sharik und ich, temporär auch mal zu einem Team. Wenn ein Leckerlie irgendwo unterm Schrank verschwindet, dann schiebe ich vor und Sharik holt es mit der Pfote zum Schluss raus. Oder wenn wir draußen Free Agility machen. Oder wenn fremde Kids über das Tor klettern und bei uns im Hof die Krimübernahme nachspielen. Dann lasse ich Sharik schon mal vom Balkon aus ankündigend bellen, ziehe ihm einen Maulkorb an, obwohl er keiner Fliege was zuleide tun kann, und gehe mit ihm gemütlich die Feuertreppe runter. Dann sage ich zu den Radaukids nur: "Kinders, raus ... oder Hund?" Dann ist für Tage Ruhe im Stall. Dann agierten wir als Team. Temporär.

Also: Lasst uns doch das erste gemischte Rudel sein. Menschen und Hunde, ein großartiges zwischenartliches Rudel. Aber ohne Erziehungsmethoden, die dieser tollen Gemeinschaft mehr schaden als nützen. Und seien wir dabei keine Rudelführer, die andere Mitglieder dominieren und selbstherrlich bestimmen, wo es lang geht. Sondern Rudelleiter, die maximale Freiheit für jedes Rudelmitglied anstreben aber zum Wohle der gesamten Gemeinschaft und deren Umwelt auf die Einhaltung bestimmter Regeln und Grenzen bestehen müssen und sie, wenn nötig, respektvoll und angemessen durchsetzen.

Euer Rudelleiter
Irek


1 Ich nenne weder die Autorin des Zitats noch die Seite selbst, weil die sich dort befindende Rubrik „Märchenstunde“ schon etliche Magendrehungen bei mir verursacht hat. Weder möchte ich solche Seiten empfehlen, noch darauf verlinken aber diese auch nicht durch Nennung schlecht machen.

Donnerstag, 20. März 2014

Kommunizieren statt Konditionieren - geht das überhaupt?



Gestern machte ich einen Beitrag in einem fremden Blog zum Thema Rudelstellungen. Freundlich aber nicht unkritisch. Dort warf man mir kurz daraufhin vor, nachdem sich die Betreiberin meine Homepage angeschaut hatte, ich würde bzgl. des Kommunizierens und Konditionierens „in der Sache nicht die volle Ahnung“ haben. Die Autorin gab dazu drei Artikel an, die das belegen sollten:


Artikel 2 von Mirjam Aulbach (vermute ich): http://cavecani.de/wissenswertes/konditionieren-vs-kommunizieren/


Diese Aussage war Anlass einer Diskussion:
Weiß ich denn, wovon ich da rede? Natürlich.

Ich zeige in diesem Blogbeitrag, dass ich sehr wohl weiß, wovon ich spreche und zumindest die sachlich einwandfreien Ausführungen in diesen Artikeln mit meiner Vorgehensweise im Einklang stehen. Beginnen wir aber ganz woanders.

Als 2013 die erste Staffel von „die Hundeflüsterin“ mit Maike Maja Nowak im TV zu sehen war, war sich die ideologisch festgelegte Szene der pV-Puristen (Hundehalter  und -trainer, die größtenteils mittels positiver Verstärkung arbeiten und dies als die einzig richtige hundegerechte Methodik bezeichnen) einig: Das geht gar nicht. Da war eine Frau im öffentlichen versehen zu sehen, die mit Körpersprache anstatt mit pV (positiver Verstärkung) arbeitete. Natürlich wurde diese Methodik von Anfang an als Bedrohung und Verunsicherung der Hunde verurteilt. Aber mit solchen pauschalen Verurteilungen mochte man sich nicht zufrieden geben. Frau Nowaks Aussagen und Vorgehensweisen wurden durch die Hundeszene analysiert und es wurde nach konkreten Angriffsmöglichkeiten gesucht. Solche fand man in der Praxis beim Fall des Hundes Marcy, wo man Nowak tierschutzrelevante Tierquälerei vorwarf. Es wurde eine Petition und dann eine Gegenpetition gestartet. Der ganz normale Hundeszenewahnsinn. Hundeszene as usual möchte man sagen. Ich habe die im Fernsehen gezeigten Szenen eine nach der anderen analysiert und fand keine unangemessene Handlung vor. Der Hund lag später nicht im Geringsten eingeschüchtert sondern entspannt und aufmerksam  neben Frau Nowak. Aber Gewalt liegt in der Hundeszene ja im Auge des Betrachters.

Marcy, nach der als tierschutzrelevant bezeichneten Aktion. Sie steht
direkt neben Frau Nowak. Angst? Furcht? Unbehaben? Sehe ich nicht.

Bzgl. der Aussagen von Frau Nowak stürzte man sich gleich massenweise auf ihr Statement „Ich konditioniere nicht, ich kommuniziere“. Ein gefundenes Fressen für ideologisch Blinde, um Frau Nowak Inkompetenz und mangelndes Fachwissen nachzuweisen. Meine Aussage ist eine etwas andere:

Ich konditioniere zwar auch. Vorrangig aber kommuniziere ich mit den Hunden.

Doch sie ist ähnlich genug, dass meine Argumentation sowohl für mich als auch für Frau Nowak gelten dürfte.

In der Tat hat Martina Schoppe Recht: Man bringt durch pure Kommunikation dem Hund nichts bei. Möchte ich das? Die Antwort ist eindeutig: Ja, ich möchte dem Hund beim Kommunizieren nichts explizit beibringen. Allerdings hinkt der Vergleich, den Schoppe bringt, nicht nur, sondern sitzt schon im Rollstuhl. Anstatt die Situation mit einem Arbeitskollegen zu schildern, der eingearbeitet werden soll und man ihm täglich alles aufs Neue erzählt, wäre eine andere Szene treffender: man fragt den Mitarbeiter täglich in der Mittagszeit, ob dieser mit essen kommt anstatt ihm einmal mitzuteilen, dass er gegen 12 Uhr (Schlüsselreiz) vor den Aufzug rauskommen sollte (Handlung), wenn er mitgehen möchte. Kommunizieren statt Konditionieren. So wird ein Schuh daraus.


Marcy mit Frau Nowak. Sie liegt sogar auf ihren Pfoten,
Kopf auf dem Boden. Wenn das keine Entspannung zeigt, was dann?

Meine Vorgehensweise widerspricht also dem Artikel 1 gar nicht. Ich tausche mich mit einem Hund aus anstatt ihm etwas beizubringen. Betrachten wir aber die unschöne Methodik, mit der Schoppe hier vorgeht. Sie pauschalisiert. Ein typisches Mittel, um andere Vorgehensweisen schlecht zu machen. Ich zumindest konditioniere ebenfalls, wie man meiner Aussage entnehmen kann. Natürlich möchte ich auch Hunden etwas beibringen. Wenn es sinnvoll ist, dass Verhaltensweisen abgerufen werden können. Aber eben nicht immer.

Dennoch ist nichts anzuwenden gegen eine Hundehaltung, bei der immer nur über Kommunikation ein Verhalten der Hunde erreicht wird. Das darf doch jedem Hundehalter und –trainer überlassen werden. Es schadet den Hunden ja nicht zwangsläufig.

Artikel 2 und 3 sind ähnlich, wobei 2 bis auf wenige Stellen fundiert und sachlich bleibt, während der Artikel von Viviane Theby am Ende so unsachlich und ideologisch gefärbt wird, dass ich die Autorin insgesamt nicht ernst nehmen kann. Die Kernaussage ist dabei: Hunde lernen doch immer. Sie können gar nicht nicht lernen. Also kann man auch nicht kommunizieren ohne dass die Hunde lernen.

Diese Aussage ist zunächst einmal erneut richtig. Hier verwenden die Autorinnen ein weiteres unschönes Mittel, um Andersdenkende als inkompetent darzustellen: subtile Wortklauberei, die unserem täglichen Umgang miteinander und dem Gebrauch der Worte nicht gerecht wird. Lernen wir als Menschen nicht ebenfalls immer? Können wir etwas erleben, kommunizieren, und dabei nicht lernen? Die Antwort ist dieselbe wie bei den Hunden: Nein, können wir nicht. Auch bei uns arbeitet das Gehirn permanent und entwickelt sich entsprechend. Würden Sie aber behaupten, dass der Bäcker im Gespräch mit Ihnen oder die Freundin beim Telefonieren sie permanent etwas lehrt? Oder würden Sie sagen, man unterhält sich eben. Und ja, implizit findet dabei natürlich auch Lernen statt.

Was für uns gilt, darf und muss doch auch für unsere Hunde gelten: Ich kommuniziere mit ihnen vorrangig und implizit lernen sie selbstverständlich immer dabei. Aber ich bin nicht immer auf das Lernen aus, wenn ich kommuniziere. Und konditioniere daher nur manchmal explizit, indem ich neutrale Reize bewusst in Schlüsselreize umwandle. Andernfalls tausche ich mich
mit Hunden lediglich aus.
 
Diese naheliegende Erklärung ist sicherlich auch den Autorinnen bewusst. Aber sie lassen sie absichtlich (oder fahrlässig?) außer Acht, um die eigene Ideologie zu stärken, indem sie bei einer anderen angebliche Schwachstellen aufzeigen.


Fazit 

Ich habe (zumindest) in dieser Sache „die volle Ahnung“ und kommuniziere mit Hunden weitestgehend körpersprachlich, ohne diese (bis auf sehr seltene Fälle) zu bedrohen. Sie lernen dabei sicherlich immer, aber eine explizite Konditionierung findet nicht statt. Daneben konditioniere ich explizit. Meine Aussage passt. Dazu stehe ich.



Anmerkung: Wir müssen sehr aufpassen, wenn wir Artikel lesen, dass man uns nicht auf subtile Weise manipuliert. Artikel 2 zeigt uns, wie es geht: sachlich, gründlich, schön aufbereitet, fundiert. Und dann kommt der Satz:

Wer sagt “Ich erziehe [...] Hunde nicht über Konditionierung” trifft eine deutliche Aussage [...]:  “Ich habe nicht den kleinsten Schimmer davon, wie Hunde lernen.”

Und dieser Satz ist sogar nachvollziehbar. Der springende Punkt hierbei ist: ich behaupte gar nicht, dass Erziehung eines Hundes nur über Kommunikation und ohne eine Konditionierung erfolgen kann. Aber der Satz erweckt genau diesen Anschein. Das nennt man (subtile) Manipulation (die Autorin wird es, das vermute ich, gar nicht bewusst getan haben).

Bei Artikel 3 kommt die Autorin von Kommunizieren und Konditionieren zu Bedrohen und zu Scherz- und Schreckreizen. Hier scheint Viviane Theby nichts peinlich zu sein, um sich abzugrenzen und andere Methoden mit Schreckbildern zu verknüpfen. Das ist die Art von Vorgehensweise, der ich mit Verachtung begegne. Besonders dreist ist, dass sie bei einer solchen eigenen Propaganda (das Wort benutzt sie selbst) beklagt, durch die kommunizierenden Trainer hätten konditionierende Trainer das Nachsehen: man würde sie abfällig als solche darstellen, die Hunde belohnen (= bestechen). Man kann sich die Welt auch so zurechtreden wie man sie gerne sehen will: Durch die eigene ideologische Brille.