Dienstag, 29. Oktober 2013

Klicker vs körpersprachliche Kommunikation

Vier Kriterien für die Auswahl der geeigneten Methode


Das Totschlagargument gegen den Klicker, das oft von Trainern geäußert und mit gelöstem Lachen vom Auditorium quittiert wird, ist: "Was macht ein Leitwolf oder ein Leithund, wenn es in seinem Rudel ein Tier gibt, das sich lapidar gesagt daneben verhält? Genau: Er holt den Klicker raus! Nein, natürlich nicht." Das Argument ist, so wie es da steht, leicht angreifbar. Zunächst einmal regelt ein Leitwolf/-hund Situationen anders, weil er nicht fähig ist, einen Klicker zu benutzen. Wir Menschen sind es aber. Und da es sehr gute Trainer auszeichnet, dass sie nicht auf bestimmte Methoden festgelegt sind, sollte auch der Klicker zum Grundrepertoire der Methoden gehören. Die Frage ist daher: Sollte es in einer bestimmten Situation als Methode ausgewählt werden?

Aber, um zurück auf unseren Leithund zu kommen: Würde denn der Leithund, wenn er dazu in der Lage wäre, einen Klicker benutzen, um seinen Rudelmitglieder gewünschtes Verhalten aufzuzeigen? Leider ist das eine theoretische Frage, deren Antwort wir nie erfahren werden. Es liegt jedoch, so Stand heute, nicht in seinem Naturell. Daher ist der Klicker als Lehrmittel sehr gut geeignet, als gutes Kommunikationsmittel jedoch weniger.

Wenn ich zwischen verschiedenen Methoden wählen darf, dann wähle ich eine, die folgende Eigenschaften optimal miteinander kombiniert:

1) möglichst hohe Effizienz des Lernens beim Hund
2) Fördern der Beziehung zwischen Mensch und Hund
3) hohe Unabhängigkeit von nicht immer greifbaren Hilfsmitteln
4) Handhabbarkeit extremer Situationen


Die erste Eigenschaft stellt sicher, dass wir ein akut existierendes Problem möglichst schnell lösen. Die zweite stellt sicher, dass wir keine Methode verwenden, die dem Verhältnis zwischen Mensch und Hund schadet, sondern im Gegenteil dieses möglichst noch verbessert und intensiviert. Die dritte Eigenschaft gewährleistet, dass wir nicht von der Verfügbarkeit von Mitteln wie Maulkorb, Klicker, Leine, Leckerli im Umgang mit unserem Hund abhängig werden, insbesondere wenn es darauf ankommt. Die vierte vermeidet, dass durch die Anwendung der ersten drei Situationen entstehen, deren der Hundehalter nicht mehr handhabbar wird. So mögen zum Beispiel der Backengriff (beruhigen des Hundes, im Sitz, durch Hochheben des Oberkörpers (Vorderpfoten sind in der Luft) mit einem Griff ins Fell hinter den Lefzen oder von hinten und dann auch im Stehen möglich) oder der Maulkorb keine Mittel sein, die das Lernen fördern. Sie können wohl aber zu einer Verbesserung der Gesamtsituation entscheidend beitragen, indem der verunsicherte, ratlose Mensch ein Mittel anwendet, das ihm Sicherheit in eskalierenden Situationen verleiht. Und damit eine Arbeit an der grundlegenden Eigenschaft Gelassenheit erst ermöglicht.

Der Klicker ist ein mächtiges Werkzeug. Möchte ich meinem Hund beibringen, dass er einen großen aufblasbaren Sitzball mit den Pfoten wegschubsen kann, vor dem er eigentlich Angst hat, kann ich mit dem Klicker sein Verhalten zum Ball hin extrem gut fördern. Das kann ich ebenfalls körpersprachlich, aber der Klicker ist hier bei vorhandener Angst auch dann effizienter, wenn der Hund großes Vertrauen zum Trainer hat und sich anders auch anleiten ließe.

Anders sieht es draußen aus. Hier ist man in problematischen oder gar eskalierenden Situationen auf positive Reaktionen des Hundes angewiesen, damit diese verstärkt werden können. Das ist gar nicht handhabbar. Daher übt man mit dem Klicker in solchen Fällen zunächst auf dem Trainingsgelände mit gestellten Szenarios. Das funktioniert, ist aber weder sonderlich effizient noch kostengünstig. Ein verantwortungsvoller Trainer kann nicht nur Mensch und Hund umgehen, sondern schont auch dessen Budget.

Nach Kriterium 1 wähle ich also für problematische Situationen nicht den Klicker sondern körpersprachliche und aurale Kommunikation. Oft versteht der Mensch darunter, dass ich dem Hund durch Kommandos, Handzeichen, Bewegungen und Stellungen mitteile, was ich möchte. Diese Signale nimmt er schließlich selber wahr. Das ist aber viel zu oberflächlich. Die Besonderheit der körpersprachlichen Kommunikation ist, dass sowohl visuelle als auch olfaktorische als auch endogene Reize den Hund erreichen. Erst ihre Gesamtheit ist so erstaunlich  wirkungsvoll, wie man es in manchen Situationen erlebt, wenn Menschen etwas bei einem Hund auf Anhieb erreichen, wozu andere nicht in der Lage waren.

Kriterium 2 erfüllt diese Vorgehensweise in einem extrem hohen Maße, wenn wir an das schon erwähnte naturell eines Hundes denken, der sich ebenfalls vorrangig durch Körpersprache mit seiner Umwelt verständigt. Dabei entsteht keinerlei Abhängigkeit von Hilfsmitteln (Kriterium 3). Zu beachten ist jedoch, dass eine andere Abhängigkeit entsteht: die von der eigenen inneren Verfassung, dem Mental State. Wir können jedoch durch Übung nicht nur jederzeit Anspannung und andere sich negativ auf das Zusammenspiel mit dem Hund auswirkenden Zustände abbauen. Sondern  gewinnen mehr Lebensqualität, indem wir uns unserer inneren Zustände bewusster werden und sie zum Positiven zu verändern lernen.

Punkt vier schließlich steht für sich. Hier kann der Mensch zusätzliche Hilfsmittel temporär anwenden, die ihm und/oder dem Hund helfen, kritische Situationen besser zu handeln. Der besonders einfühlsame Trainer ist dabei meist in der Lage, aversive Methoden (wie den oben genannten Griff) schrittweise abzumildern, so dass irgendwann während des Trainingsverlaufs, auf dem Wege zum Idealzustand, lediglich eine sanfte Berührung zur Beruhigung des früher so schlecht handhabbaren Hundes genügt.

Ich wünsche allen eine gute Körpersprache und das Mindset eines Leitwolfs.